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Pressemitteilungen

Paradigmenwechsel bei der chronischen Nierenerkrankung: Proteomforschung kann Fortschreiten der Erkrankung besser vorhersagen als die üblichen Messmethoden


Etwa zehn Prozent der Allgemeinbevölkerung – und weiter zunehmend – leidet laut europäischem Nephrologenverband ERA-EDTA unter einer chronischen Nierenerkrankung. Die meisten der Betroffenen sind sich dessen nicht bewusst. Eine chronische Nierenerkrankung im ersten von fünf Stadien[1] verursacht oft noch keine Beschwerden und wird daher meist nur zufällig entdeckt. Die frühe Behandlung der Nierenerkrankung ist der effektivste Weg, um einer weiteren Abnahme der Nierenfunktion entgegen zu wirken. Effektive Tests zur Früherkennung und Vorhersage des potentiellen Krankheitsverlaufs sind daher essentiell, um eine optimale Behandlung zu ermöglichen. Auf diese Weise kann durch intensive Behandlung ein Nierenversagen verhindert werden.

Jede Nierenerkrankung ist für den Betroffenen potentiell lebensbedrohlich und erfordert wirkungsvolle Therapien. Angesichts der klinischen Unauffälligkeit der chronischen Nierenerkrankung in den frühen Stadien kommt Früherkennungsmethoden eine zentrale Rolle zu. Patienten, die ein hohes Risiko dafür aufweisen, dass die Krankheit schnell bis in die nächsten Stufen fortschreitet (Progression), werden üblicherweise anhand der Abnahme der sogenannten glomerulären Filtrationsrate (GFR) und/oder dem Vorliegen von Albumin im Urin identifiziert. Mit diesen beiden Methoden wird die Krankheit allerdings erst spät erkannt, dann liegen meist schon strukturelle Schäden an den Nieren vor. Eine verbesserte Risikoeinschätzung der Progression sowie ein gezielteres Management von Patienten mit chronischer Nierenerkrankung, die in der Wissenschaft Chronic Kidney Disease (CKD) genannt wird, ist dringend erforderlich.

Deshalb hat ein internationales Forscherteam um Professor Joost Schanstra von der französischen staatlichen Forschungseinrichtung INSERM jetzt eine große, cross-sektionale multizentrische Kohorte aus 1.990 Patienten mittels einer hochempfindlichen Nachweismethode, der sogenannten Urin-Proteom-Analyse (UPA), untersucht. Die UPA arbeitet im Bereich der chronischen Nierenerkrankungen mit dem sogenannten CKD273-Klassifikator. Es handelt sich um ein Muster aus 273 Eiweißfragmenten (Peptiden) im Urin, mit dem unter Einsatz einer speziellen Software die Krankheit nicht nur genau erkannt, sondern mit dem auch Aussagen über ihr Fortschreiten getroffen werden kann. Die Studie ergab, dass die Methodik die klassische Diagnostik in Zuverlässigkeit und Genauigkeit deutlich übertraf. Es konnten 30 Prozent mehr Patienten, die ein schnelles Fortschreiten der Nierenerkrankung zeigen, mit dem CKD273-Klassifikator erkannt werden, als mit dem derzeit gebräuchlichen Albumintest.

„Während die öffentliche Aufmerksamkeit auf kardiovaskuläre Erkrankungen, Adipositas, Diabetes, HIV und Krebs gerichtet ist, bleibt die chronische Nierenerkrankung eine eher stille Epidemie. Unsere Studie ist die bislang weltweit größte Patientenstudie, in der die moderne Urin-Proteinanalyse angewendet wurde. Wir beobachten, dass einige Proteine eine signifikant bessere Erkennung einer chronischen Nierenerkrankung ermöglichen als die bisherigen klinischen Methoden. Interessanterweise beobachteten wir darüber hinaus, dass die Vorhersage der Progression der Erkrankung über die Zeitspanne von einigen Jahren signifikant verbessert wurde. Nachdem wir zeigen konnten, dass die Urin-Proteom-Analyse eine deutlich verbesserte Früherkennung und Prognose bei CKD ermöglicht, hoffen wir, dass dieser Ansatz sich sowohl für die frühe Erkennung der CKD bei Risikogruppen als auch für die Identifizierung von Patienten mit rasch fortschreitendem Verlauf aus einer Gruppe von Erkrankten etabliert. Eine intensivierte Behandlung der betroffenen Patienten wird wahrscheinlich das Fortschreiten der Erkrankung bis zum terminalen Nierenversagen1 signifikant verzögern“, sagt Professor Schanstra, der die Studie hauptverantwortlich betreut hat.

Die ERA-EDTA hat bereits in einer Pressemitteilung auf die Studienergebnisse hingewiesen. Sie werden in der nächsten Ausgabe der führenden Fachzeitschrift „Journal of the American Society of Nephrology“ veröffentlicht.

[1] Eine Nierenerkrankung im Stadium 5 wird auch terminale Niereninsuffizienz genannt, also Nierenschwäche im Endstadium. Die Nierenfunktion ist dann so massiv eingeschränkt, dass die Nieren das Blut nicht mehr reinigen können. Der Patient ist auf ein Nierenersatzverfahren, die Dialyse, oder eine Nierentransplantation angewiesen. Da die Wartelisten für Spendernieren lang sind, müssen sich Patienten auf eine oft mehrjährige regelmäßige Dialysebehandlung einstellen. Rund 80.000 chronisch Nierenkranke gehen laut einem Bericht der Ärzte Zeitung in Deutschland derzeit regelmäßig zur Blutreinigung, um die Entgiftung des Körpers sicherzustellen. Dies ist mit einer massiven Einschränkung der Lebensqualität verbunden. Nierenpatienten haben zudem ein stark erhöhtes Risiko, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems wie zum Beispiel einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden.

Referenz

Schanstra JP, Zürbig P, Alkhalaf A, Argiles A, Bakker SJL, Beige J, Bilo HJG, Chatzikyrkou C, Dakna M, Dawson J, Delles C, Haller H, Haubitz M, Husi H, Jankowski J, Jerums G, Kleefstra N, Kuznetsova T, Maahs DM, Menne J, Mullen W, Ortiz A, Persson F, Rossing P, Ruggenenti P, Rychlik I, Serra AL, Siwy J, Snell-Bergeon J, Spasovski G, Staessen JA, Vlahou A, Mischak H, Vanholder R.
Diagnosis and Prediction of CKD Progression by Assessment of Urinary Peptides.

J Am Soc Nephrol 26, published ahead of print Jan 14 2015. doi: 10.1681/ASN.2014050423

 

 

Erstellt 12/02/2015 von Redakteur
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