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Pressemitteilung

Forscher: Proteomanalyse ist einer Nierenbiopsie aus ethischen Gründen vorzuziehen

Eine Nierenbiopsie ist eine invasive und deshalb nicht ungefährliche Prozedur, die derzeit noch die Grundlage einer genauen Diagnostik von Nierenerkrankungen bildet. Mehr als ein Prozent der Patienten erleiden Studien zufolge jedoch ernste, ganz selten sogar lebensbedrohliche beziehungsweise tödliche Komplikationen. Aus diesem Grund werden Ansätze, die Nierenbiopsie zu ersetzen, massiv beforscht - mit dem Ziel, eine risikolose Diagnose zu ermöglichen. In fast allen Fällen, so der weltweit führende Proteomics-Experte Professor Dr. Dr. Harald Mischak, kann die Urin-Proteom-Analyse die Biopsie ersetzen – und auf diese Weise eine weitaus frühere Krankheitserkennung einleiten. Die Urin-Proteom-Analyse beruht im Kern auf der Erkenntnis, dass sich Veränderungen des Gesundheitszustandes eines Menschen in der Protein-Zusammensetzung seiner Körperflüssigkeiten zeigen. Mithilfe von hochsensiblen Messmethoden bildet die Analyse von bis zu 6.000 Proteinfragmenten in einer Urinprobe die krankhaften Veränderungen im Körper früh, umfassend und genau ab. Der Ansatz wurde in über 100 Fachpublikationen ausführlich beschrieben, und ist in der Fachwelt zweifelsfrei anerkannt.

Dieser Quantensprung von der in der Praxis etablierten histologischen (das biologische Gewebe betreffend) zur neuartigen molekularen Krankheitserkennung, verbunden mit zielgerichteteren Therapien und neuen Behandlungsregimenten bei der Chronischen Nierenerkrankung, wurde kürzlich auf dem Sächsischen Nephrologenkongress diskutiert. Anschließend fand eine Abstimmung unter den Nierenfachärzten statt. 80 Prozent stimmten für die Anwendung der Proteomanalyse. Auch in der aktuellen Ausgabe des führenden europäischen Nierenärztejournals „Nephrology Dialysis Transplantation“ (NDT) ist „Proteomics statt Nierenbiopsie“ ein Thema. Professor Mischak stellt dabei dar, dass die Urin-Proteom-Analyse geeignet ist, einen großen Teil der heute durchgeführten Nierenbiopsien in Zukunft zu ersetzen. Aus seiner Sicht sollten Biopsien schon aus ethischen Gründen nur durchgeführt werden, wenn alle anderen Methoden inklusive der Proteomanalyse ausgeschöpft sind und Therapieentscheidungen nur aufgrund einer Biopsie getroffen werden können. Professor Mischak argumentiert dabei auf Grundlage des von Hippokrates aufgestellten Prinzips des „Primum nil nocere“ (lat. zuerst einmal nicht schaden) – noch heute ein Leitprinzip der Medizin.

Der hannoversche Rechts- und Ethikexperte Dr. Jürgen Robienski sagt dazu: „Je invasiver eine Befunderhebung ist und je größer die mit ihr verbundenen Risiken sind, desto stärker muss zwischen Erfolg und Risiko abgewogen und der Patient umfangreich darüber aufgeklärt werden. Das Prinzip der Nichtschädigung gebietet bei gleich anzusetzendem Erfolg oder wenn sich zwei Behandlungsalternativen nicht ausschließen sondern nacheinander angewandt werden können, zunächst die Risikoärmere zu wählen. Da die Proteomanalyse die schmerzfreie und risikolose Alternative zur Biopsie darstellt, ist sie - abhängig von ihrer diagnostischen Aussagefähigkeit und Verlässlichkeit - vorzuziehen.“

Die diagnostische Aussagefähigkeit und Verlässlichkeit der Urin-Proteom-Analyse ist im Bereich der Chronischen Nierenerkrankungen klinisch validiert und sie ist hoch. Sensitivität und Spezifität liegen bei >85%. Jüngst war die Aussagekraft des bei der Methode angewandten Klassifikators „CKD 273“, den man sich als ein Muster aus krankheitsspezifischen Biomarkern vorstellen muss, Gegenstand internationaler Studien, die sich mit der Vorhersage der Progression (dem Fortschreiten) der Chronischen Nierenerkrankung beschäftigten. Ein griechisch-niederländisches Forschungsteam interessierte sich dabei besonders für den Nutzwert des CKD273-Klassifikators bei der Vorhersage der Progression und maß diesen anhand der in der evidenzbasierten Medizin gebräuchlichen Richtlinien EBM (Oxford Evidence-Based Medicine) und SORT (Strength of Recommendation Taxonomy). Das Ergebnis: Der CKD273-Klassifikator erreichte in zwei Studien höchste Evidenzlevel.

 

Referenzen:
Mohammed A., Manjanabil P., deTakats D.: Retroperitoneum: a forgotten and fatal aspect of kidney biopsy. Saudi J Kidney Dis Transpl 2014; 25: 1278–1281
Huang C. C., Kuo C. C., Chen Y. M.: The incidence of fatal kidney biopsy. Clin Nephrol 2011; 76: 256–258
Mischak H., Schanstra J. P.: CE-MS in biomarker discovery, validation, and clinical application. Proteomics. Clin. Appl. 2011; 5, 9-23.
Stalmach A., Albalat A., Mullen W., Mischak H.: Recent advances in capillary electrophoresis coupled to mass spectrometry for clinical proteomic applications. Electrophoresis 2013; 34, 1452-1464.
Mischak H.: Pro: Urine proteomics as a liquid kidney biopsy: no more kidney punctures! Nephrol. Dial. Transplant. (2015) 30 (4): 532-537
Mischak H.: Opponent's comments. Nephrol. Dial. Transplant. (2015) 30 (4): 531-532
Critselis E., Lambers Heerspink H.: Utility of the CKD273 peptide classifier in predicting chronic kidney disease progression. Nephrol Dial Transplant. 2015 Mar 19.

 

 

Erstellt 03/04/2015 von Redakteur
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