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Presseartikel

Die Welt: Neue Urin-Untersuchung zeigt Krebs an

Veränderungen von Eiweißen auch bei Nieren-, Blasen- und Herzleiden - Verfahren könnte Therapiekosten senken


Von Jochen Steiner

Hannover - Dem menschlichen Urin wurde in der Vergangenheit weithin wenig Bedeutung beigemessen. Nun gehen Forscher davon aus, dass mithilfe des Urins frühzei­tig etliche Krankheiten, etwa Bla­sen- oder Prostatakrebs, diagnosti­ziert werden können. Dazu werden Proteine (Eiweiße) analysiert, die im Urin enthalten sind. Sie lieferten Aufschluss über den Gesundheits­zustand eines Patienten, erklärte Professor Harald Mischak von der Mosaiques AG aus Hannover. Seit einigen Jahren forscht er zu­sammen mit Kollegen aus dem In-und Ausland auf dem Feld der Pro­teomanalyse. Dieser Forschungs­zweig befasst sich mit der Identifi­zierung und Charakterisierung der Proteine in einem Organismus. Mischak und seine Kollegen untersuchten die Proteine im Urin von erkrankten und gesunden Men­schen und stellten dabei Unter­schiede in deren Struktur fest. So könnten in Zukunft bestimmte Krankheiten früher als heute festge­stellt werden, sagt Mischak. Vor allem Nierenerkrankungen könnten durch die Proteomanalyse rechtzeitig erkannt werden. Ein in­ternationales Forscherteam identi­fizierte Biomarker (Proteine) aus dem Urin von über 1000 Patienten, die mit großer Zuverlässigkeit eine diabetische Nephropathie, ein be­ginnendes Nierenversagen, anzei­gen können. Auch eine Abgrenzung zu anderen Nierenerkrankungen gelang den Forschern. „Nun ist es möglich, Nierenerkrankungen so rechtzeitig zu entdecken, dass der fortschreitende Funktionsverlust der Niere durch die richtige Einstel­lung des Blutzuckerspiegels deut­lich verlangsamt werden kann“, sagt Harald Mischak.

 

Sehr gute Ergebnisse bezüglich der Sicherheit der Diagnose erhiel­ten die Forscher bei weiteren Un­tersuchungen mit Biomarkern. So konnten sie Herzkranzgefäßveren­gungen, Blasen-und Prostatakrebs sowie Harnwegs­verengungen bei Neugeborenen mit­tels Proteomanaly­se mit großer Si­cherheit diagnostizieren. Ein drohender Herzinfarkt könne dadurch bereits eineinhalb Jahre im Voraus festgestellt werden, sagte Mischak. Möglich mache dies ein „diagnostisches Muster", das sich jeweils aus sehr vielen Prote­inen zusammensetzt, erklärt der Forscher.

 

Proteine werden im Organismus ständig neu gebildet. Bei Krankhei­ten kommt es bei ihnen aber zu strukturellen Veränderungen,  die nach der Proteomanalyse erkenn­bar werden und somit eine Diagno­se möglich machen. Am Anfang der Analyse wird die Urinprobe durch eine sogenannte Kapillarelektro­phorese geleitet: Durch das Anlegen von elektrischer Spannung werden, die unterschiedli­chen Proteine vonei­nander getrennt. An­schließend gelangen die Proteine in einen Massenspektrometer, in dem ihre Molekülgröße vermessen wird. Ein Computer be­rechnet daraus dann das charakte­ristische Biomarker-Muster. Die Wissenschaftler verglichen die Muster von kranken und gesunden Menschen und gelangten so zu ih­ren Forschungsergebnissen.

 

Im Gegensatz zu einer Gewebe­entnahme, etwa zur Diagnose von Krebs, könne die Proteomanalyse nicht invasiv, also „unblutig" ohne Eingriff, durchgeführt werden, so Mischak. Die oftmals mögliche frühzeitige Diagnose: einer begin­nenden Störung würde bei einigen Krankheiten zu deutlich geringeren Behandlungskosten führen, sagte Joachim Conrads von der Mosai­ques AG. Noch sei das Interesse an diesem Analyseverfahren in Deutschland eher gering. Die Bun­despolitiker hätten dem Verfahren wenig Beachtung geschenkt, so Conrads weiter. Das Interesse auf europäischer Ebene sei größer, und vor allem in Asien stoße das Verfah­ren auf große Resonanz. 120 Refe­renzärzte seien aber in Deutschland bereits gefunden, sagte Conrads. Sie und zahlreiche Universitäten wür­den die Proteomanalyse weiter vor­antreiben. „In fünf Jahren wollen wir mit unserer Analyse 50 bis 60 Krankheiten diagnostizieren kön­nen", so Conrads.

© Die Welt 2008

Erstellt 04/04/2008 von Redakteur
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